Original-URL: http://www.yourjournal.de/artikel/586-die-christliche-gefahr---ein-kommentar.html

Redakteur: Martin Boecker
Kategorie: Kultur
Veröffentlicht am: 16.05.2008 19:07

Die christliche Gefahr - ein Kommentar

Der „Hauch von Kulturkampf“ über der Hansestadt Bremen, wie der Spiegel ihn in seiner Ausgabe vom 28. April aufgrund des Christivals heraufbeschwor, scheint nicht nur über dem norddeutschen Bundesland, sondern über der ganzen Republik zu liegen. „Besonders rasant“ wüchsen freikirchliche Gemeinden und „christliche Eiferer“ bildeten Treffpunkte, bei denen Bibel und Gebet wieder im Mittelpunkt stünden. Der „Aufschwung der ‚Evangelikalen’“ und die „konservative Welle“ aus den USA hätten schon längst Deutschland erreicht. Noch hätten sie nicht den gleichen Einfluss wie in den USA, aber einen Plan dafür gäbe es schon. Müssen die säkularen und toleranten Bürger dieses Landes jetzt einfach nur noch warten, bis die „konservative Welle“ über ihnen zusammen schlägt? Oder ist es noch Zeit, gegen die Gefahr anzukämpfen?

Handelt es sich überhaupt um eine Gefahr?

Beim Blick in die USA, wo der Ursprung des Evangelikalismus liegt, fällt auf, dass dieser bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts unpolitisch war. Erst als Reaktion auf Protestaktivitäten linksliberaler sozialer Bewegungen, wie Studenten-, Friedens-, Frauen- und Homosexuellenbewegung oder der Abschaffung des Morgengebets in amerikanischen Schulen kam es zu einer teilweisen politischen Mobilisierung. Es entwickelte sich ein politischer Arm der so genannten „Christlichen Rechten“, der sich zwar aus dem Kreis der Evangelikalen rekrutiert, jedoch nicht mit diesem gleichzusetzen ist.

Diese „Christliche Rechte“ versuchte anfänglich ihre Politik mit Blockaden von Abtreibungskliniken oder Massendemonstrationen vor dem Gebäude des Kongresses durchzusetzen. Eine Strategie, die sich jedoch als erfolglos erwies, da sie abschreckte. Also passte man sein Vorgehen derjenigen anderer Interessensgruppen an, leistete verstärkt Lobbyarbeit, eigene Anhänger arbeiteten sich in Führungsgremien der Republikanischen Partei hoch und Wähler für konservative Kandidaten wurden mobilisiert. Dieser Weg, eigene Interessen durchzusetzen, ist in den USA unverwerflich. Der Gedanke liegt nahe, dass ein politischer Arm der Evangelikalen in Deutschland irgendwann einen ähnlichen „Weg der Instanzen“ gehen möchte. Die Betonung liegt jedoch auf dem Wort „irgendwann“, denn im Moment sind die Situationen nicht zu vergleichen.

Während in den USA der Siebziger Jahre linksliberale Positionen neu waren, sind diese heutzutage in Deutschland etabliert. Die christlich-konservativen Ideen für Familie, gegen die Homo-Ehe, Internet-Pornographie, Glücksspiel, Euthanasie, Stammzellenforschung, etc. stehen ganz oder teilweise entgegen der etablierten Politik- und Medienlandschaft. Dementsprechend erfährt die junge evangelikale Gemeinde in Deutschland einen großen und unangemessenen Druck. So kam es beim diesjährigen Christival, einem christlichen Jugendkongress in Bremen, zu großer Kritik aus den Medien und daraus resultierenden gewaltsamen Störaktionen, da unter anderem ein Seminar über „Angebote für veränderungswillige Homosexuelle“ angeboten wurde.

Druck auf Evangelikale

Teil dieses Druckes ist es auch, den Evangelikalismus in Deutschland als US-gesteuerte, machtbesessene und erzkonservative Gefahr darzustellen. Wer Evangelikale in Deutschland jedoch persönlich erlebt, wird feststellen, dass sie sich weitaus weniger mit Politik, als mit Glauben, Gemeinschaft und sozialer Arbeit beschäftigen. Zentraler Lebensinhalt ist die Nähe zu Jesus Christus und damit die christlichen Werte. Neben solchen Werten, die allgemein akzeptiert sind, ist die Position zur Homosexualität außerhalb der evangelikalen Gemeinde umstritten, aber lediglich eine konsequente und ehrliche Schlussfolgerung dieses christlichen Weltbildes. Das wiederum zeigt die Transparenz und Offenheit, da auch solche Meinungen offiziell vertreten werden, die garantiert für starke Kritik sorgen.

Die Anziehungskraft der meist jungen und lebhaften Gemeinden könnte auf Dauer ein in Deutschland vorherrschendes linksliberales Weltbild verändern. Transparenz und Offenheit sind allerdings genau die Eigenschaften, die eine Institution innerhalb einer Demokratie am wenigsten zur Gefahr werden lassen.

Fazit

Es erscheint schon ein wenig paradox, dass man in Deutschland auf Toleranz für alle möglichen voneinander abweichenden Ideen besteht, religiöses Leben im öffentlichen Raum jedoch missbilligt wird. Die Grundrechte der Religions- und der Meinungsfreiheit sind gleich hoch anzusiedeln. Wer andere Ideen jedoch bezweifelt, kann sich ruhig kritisch damit auseinander setzen, sollte es jedoch vermeiden, mit Hilfe der Keule der „Moralkeule“ die Religions- und Meinungsfreiheit in der Praxis stark einzuschränken.

 

Quelle: http://Aus Politik und Zeitgeschichte 6/2007, Spiegel 18/2008, eigene Quellen