Original-URL: http://www.yourjournal.de/artikel/1498-mythos-chaostage.html

Redakteur: Wucher
Kategorie: Politik
Veröffentlicht am: 25.02.2010 18:08

Mythos Chaostage

Obwohl die Lufthansapiloten kaum einen Tag streiken, berichten die Medien von "Chaostagen". Auch im Verkehrsministerium soll Chaos herrschen. In den 1980er und 1990er Jahren waren die "Chaostage" noch eine Bezeichnung für Straßenschlachten mit der Polizei (vor allem in Hannover). Was ist dran am Mythos Chaostage in einer Zeit, wo trotz Wirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen beinahe stabil bleiben und dennoch Aufrufe zu neuen Straßenschlachten im Internet kursieren?

Frankfurt am Main/Berlin. Nur einen Tag hielten die Lufthansapiloten ihren Streik durch. Einige hundert Flüge mussten auch noch Tage später ausfallen. Nach einem Treffen vor dem Arbeitsgericht entschieden Cockpit-Verantwortliche den Streik zunächst auszusetzen. Ein überraschend glimpflicher Ausgang, wo doch viel Zeitungen schon im Vorfeld vor "Chaostagen" warnten. Zwar drohen zum 8. März erneut Arbeitskämpfe. Angesichts des ersten Streiks kann die Lufthansa aber gelassen bleiben.

Auch im Bundesverkehrsministerium unter Peter Ramsauer (CSU) herrschten die letzten Monate laut einschlägiger Berichte "Chaostage". Diesmal, weil sich niemand entscheiden konnte, ob mit Wasserstoff betriebene oder doch besser Elektoautos die Schlüsseltechnologie der Zukunft sein sollten. Einerseits sei weder klar, wie die bis 2020 geplanten 1 Million Elektoautos die Energiewende im Bereich Kfz bringen sollen, noch stehe ein Plan zur Verfügung wie die milliardenschweren Investitionen in eine moderne Wasserstoffinfrastruktur zur Verfügung gestellt werden könnten.

Es überrascht, wie wenig die im letzten Jahr herbei geredete Wirtschaftskrise einen Eindruck auf die deutsche Öffentlichkeit macht. Die Arbeitslosenzahlen im Februar 2010 sind zwar geringer gestiegen als erwartet, berichtet die Tagesschau, dennoch sind wir noch weit entfernt von einer Erholung. Der historische Einbruch der Wirtschaft aus dem letzten Jahr ist gleichfalls noch lange nicht kompensiert. In einer solchen Situation von Chaostagen zu sprechen, verkennt, wie stabil die bürgerliche Mitte der Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland ist. Die historischen Chaostage in den 1980er und 1990er Jahren waren Aufstände der Frustierten und zurück Gelassen der Gesellschaft. In Hannover bekriegten sie sich tagelang mit den Ordnungskräften. Nach den Straßenschlachten wurden Geschäfte geplündert. Das ist gerade mal zwei Jahrzehnte her.

Die heutige Situation erweckt aber eher den Anschein, als würden die prekären Schichten sich mit ihrem Schicksal ebenso abfinden, wie sie es die letzten Jahre getan haben. Streiks werden auch vorzeitig abgebrochen, wenn es um existenziellere Probleme geht, als die der Lufthansapiloten. Es geistern zwar neue Aufrufe zu Chaostagen im Jahr 2013 durchs Internet, aber es bleibt zweifelhaft, ob diese dem Mythos der alten Chaostage gerecht werden können. (Link zum Aufruf) Einem Mythos, der sich in der Mediengesellschaft heute nur noch dadurch äußert, dass der Begriff selbst die Befindlichkeit der Menschen anregt.

Selbst die unbedeutensten politischen Ereignisse werden durch sie in den Medien hochgespielt. Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit in der immer schnelleren Informationsgesellschaft verführt Journalisten wie Politiker dazu aufregende Begriffe, mit dem in der Bundesrepublik eigentlich langweilig gewordenen Alltag von Politik, Wirtschaft und Kultur zu verweben. Ein Alltag der Vielen bequem geworden ist, der aber auch dazu führt, dass nur noch selten etwas wirklich besonderes passiert, woraufhin die Medien das Alltägliche bis ins Groteske hinein stilisieren. 

Quelle: http://www.webnews.de/kommentare/615250/0/Chaostage-fuer-2013-angekuendigt.html