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Gesundheit | 23.06.2007 19:01  Drucker

50 Jahre Contergan


Unter dem Namen „K17“ wurde 1954 in der Forschungsabteilung der Stolberger Pharmafirma Grünenthal eine neuartige Substanz entwickelt. In Tierversuchen führte der Wirkstoff Thalidomid zu einer schnellen Ermüdung der Versuchstiere. Verantwortlicher Leiter war Heinrich Mückter. Er soll in Krakau während des zweiten Weltkrieges medizinische Experimente an KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern durchgeführt haben. Vor fünfzig Jahren, am 1. Oktober 1957 vermarktete die Firma Grünenthal Thalidomid unter dem Namen Contergan.

Unter dem Namen „K17“ wurde 1954 in der Forschungsabteilung der Stolberger Pharmafirma Grünenthal eine neuartige Substanz entwickelt. In Tierversuchen führte der Wirkstoff Thalidomid zu einer schnellen Ermüdung der Versuchstiere. Verantwortlicher Leiter war Heinrich Mückter. Er soll in Krakau während des zweiten Weltkrieges medizinische Experimente an KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern durchgeführt haben. Vor fünfzig Jahren, am 1. Oktober 1957 vermarktete die Firma Grünenthal Thalidomid unter dem Namen Contergan. Eingesetzt wurde es als Schlaf- und Beruhigungsmittel ohne größere Nebenwirkungen. Da Contergan unter anderem auch gegen die typische, morgendliche Schwangerschaftsübelkeit in der frühen Schwangerschaftsphase hilft, wurde das Medikament auch gezielt für Frauen in anderen Umständen empfohlen. Ein fataler Irrtum, wie sich bald herausstellte. In den folgenden Monaten und Jahren wurden in Deutschland rund 5.000 Kinder mit schweren Behinderungen geboren. Weltweit waren ca. 10.000 Kinder betroffen. Carina Hedtke, Contergan-Opfer aus Oldenburg:

Carina Hedtke:
“Contergan war bei einmaligem Gebrauch schon fatal. Viele Mütter haben nur eine einzige Tablette genommen. Wenn man es in der ersten Woche bis zum dritten Monat genommen hat, waren schwerste Schädigungen des ganzen Organismus die Folge. Viele Kinder sind gar nicht auf die Welt gekommen, sind gleich gestorben. Und in der Regel, bis zum dritten Schwangerschaftsmonat, waren kurze Arme und kurze Beine die Folge und ab dem dritten Monat gab es dann immer kurze Arme. Wenn eine junge Frau zum Beispiel mit elf Jahren das erste Mal zum Frauenarzt gegangen ist, dann hat man unter Umständen festgestellt, dass die Frau gar keine Gebärmutter hat! Contergan schädigt auch das Gehör und es gab Missbildungen an Nase und Ohren.”

Die Folgen des Wirkstoffs Thalidomid wurden unabhängig voneinander in Deutschland, Großbrittanien und Australien entdeckt. Der Hersteller Grünenthal reagierte zunächst nicht auf die Warnungen. Obwohl der Stolberger Firma bereits 1961 mehr als 1.600 Hinweise über beobachtete Fehlbildungen vorlagen, wurde Contergan weiterhin vertrieben. Der Marktanteil betrug stolze 46%. Der Humangenetiker Widukind Lenz berichtete auf einem Kongress über den Zusammenhang zwischen Contergan und den Missbildungen. Damit löste er den Skandal aus. Nach einem Zeitungsartikel der Welt am Sonntag am 26. November 1961 zog Grünenthal schließlich am darauf folgenden Tag Contergan aus dem Handel. Wann bemerkte Carina Hedtke, dass sie anders war, als die anderen?

Carina Hedtke:
“Im Alter von drei Jahren, als meine Mutter dann anfing, mir kleine Mäntelchen zu nähen und kleine Ponchos, wo meine Ärmchen fast nicht rausguckten und die Leute dann immer vor meinem Kinderwagen stehen blieben und hinein guckten und: ‚Oh, mein Gott!’ sagten! Ich meine, da kommt man schon ganz schön schnell dahinter, das was nicht in Ordnung ist! Für mich war es selbstverständlich, dass mein Vater immer versuchte, für mich eine Lösung zu finden, wie man etwas anders tut, als normal. Und so habe ich relativ viel gelernt, durch die Fähigkeit meines Vaters, umzudenken.”

Der Prozess gegen die Firma Grünenthal wurde im Januar 1968 vor der großen Strafkammer des Landgerichtes Aachen eröffnet. Drei Staatsanwälte, 312 Nebenkläger und zwanzig Verteidiger waren bei diesem Mammutprozess anwesend. Insgesamt wurden 120 Zeugen gehört. Während der 283 Verhandlungstage musste ein Richter ausscheiden, da er mit den Verteidigern der Firma Grünenthal gesprochen hatte. Am 18. Dezember 1970 wurde das Strafverfahren wegen geringfügiger Schuld der Angeklagten und mangelndem öffentlichen Interesse eingestellt.

Carina Hedtke:
“Ja, es kam dann irgendwann zu einem Schauprozess. Ich sage deshalb ‚Schauprozess’, weil es gar kein richtiger Prozess war. Grünenthal wurde zwar angeklagt, aber man schloss sehr schnell einen Vergleich, man wollte die Firma dann irgendwie auch nicht kaputt machen. Da spielten dann natürlich wirtschaftliche und finanzielle Interessen eine ganz große Rolle. Grünenthal zahlte 100 Millionen DM in eine Stiftung und die Bundesregierung gab noch einmal 100 Millionen DM dazu. Aus dieser Stiftung beziehen wir heute eine Rente - aus den Zinsen des eingezahlten Geldes.”

Der Vergleich, der vor Gericht geschlossen wurde, schließt weitere Forderungen an Grünenthal ein für alle Mal aus. Ist die Rente, die die Contergan-Stiftung auszahlt, eine ausreichende Entschädigung?

Carina Hedtke:
“Ich persönlich würde mir nicht mehr Geld wünschen. Ich bekomme außerdem Pflegegeld. Aber, ich hätte mir gewünscht, dass unsere Eltern besser angefunden worden wären. Denn eigentlich war das für die Eltern der große Schock. Und meine Eltern bekamen im Jahre 1974 die sehr hohe Summe in Höhe von 15.000 DM. Für meine Eltern war das eine ganze Menge Geld. Und dann wurden regelmäßig Renten gezahlt. Ich bekam den Höchstsatz, ich habe ja diese ganz kleinen Ärmchen, in Höhe von 175 DM. Das sind heute - mit allen Steigerungen und Anpassungen - 545 Euro im Monat. Mir persönlich reicht das. Nur, es ist nicht fair! Viele von uns Contergan-Männern und Frauen haben Folgeschäden! Das bedeutet, ihre Hüften beginnen langsam zu streiken, Rückenbeschwerden sind die Regel und diese Folgeschäden können nicht mehr vor Gericht eingestritten werden. Unsere Eltern mussten damals unterschreiben, dass sie mit der Abfindung keine weiteren rechtlichen Möglichkeiten mehr haben.”

Der WDR produzierte unlängst einen Fernsehfilm über den Contergan-Skandal. Dieser sollte im Spätherbst 2006 ausgestrahlt werden. Kam es denn überhaupt zu einem Sendetermin?

Carina Hedtke:
“Nein, dieser Film ist verboten! Dieser Film ist schlicht weg verboten. Es ist ein Zweiteiler vom WDR produziert und der heißt: ‚Eine einzige Tablette’. Grünenthal und auch der darin vorkommende Rechtsanwalt Schulte-Hillen, der damals auch die Verhandlungen geführt hat für die Eltern - angeblich für die Eltern - der hat sich in dem Film wiedererkannt und hat einstweilige Verfügungen und auch Gerichtsurteile erwirkt und dieser Film ist nach wie vor verboten. Das bezieht sich jetzt zwar nur auf das Drehbuch - der Film ist schon fertig gestellt - aber man streitet jetzt noch darum, in wie weit Grünenthal zum Beispiel als ‚Grünenthal’ auch genannt werden darf oder als ‚Contergan-AG’. Aber dieser Film sollte schon 2006 gesendet werden und er ist immer noch verboten.”


Noch bis Mitte 2003 verschenkte Grünenthal Contergan Restbestände an Wissenschaftler. Die Forschung an dem Wirkstoff Thalidomid geht also weiter. Bereits 1964 entdeckte ein israelischer Hautarzt, dass sich Contergan positiv bei Lepra-Patienten auswirkt. Geschwüre bildeten sich über Nacht deutlich zurück. Seit diesen Entdeckungen wird Thalidamid systematisch in Ländern wie Kolumbien, Brasilien und Indien gegen Lepra und andere Krankheiten eingesetzt. Da die Rate der Analphabeten in diesen Ländern sehr hoch ist, sind die Betroffenen nicht in der Lage, den Beipackzettel zu lesen. Auch das Etikett mit einer durchgestrichenen schwangeren Frau auf der Verpackung missverstanden viele als Antibabypille. In Folge dessen kommt es immer wieder zu Geburten mit Fehlbildung, wie in den 60er Jahren in Deutschland.

(Transkription eines Radiobeitrages. Anhören unter: www.OlisAbendshow.de - Sendung Nr. 15 vom 20. Juni 2007)


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Quelle: OlisAbendshow.de
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 Kommentare

2 Kommentare / Kommentar schreiben

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Phil

26.10.2007 13:02

(Der Film "eine einzige Tablette" vom WDR ist das. Verboten ist er also nicht mehr)

Profilbild von Phil

Phil

26.10.2007 13:01

Trotz der Klagen des Pharmaunternehmens "Grünenthal" gegen die Ausstrahlung, wird am 07. und 08. November ein zweiteiliger Film zum Contergan-Skandal zu sehen sein.

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