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Politik | 28.09.2008 23:07  Drucker

Schock und Wut


Das Wahldebakel der CSU stürzt ihre Funktionäre und Anhänger in Fassungslosigkeit. Die einen fordern sogleich Hubers Kopf, andere sehen in Stoiber den Hauptschuldigen

Totenstille, entsetztes Kopfschütteln, versteinerte Gesichter - Schockstarre, wohin man blickt. Es ist wenige Sekunden nach 18 Uhr, die erste Hochrechnung ist gerade über den Bildschirm geflimmert und Keinem im Sitzungssaal 1 des bayerischen Landtags ist nach Reden zumute. Mit Verlusten haben die CSU-Anhänger angesichts der mauen Umfragen im Vorfeld gerechnet, auch mit einem Verlust der absoluten Mehrheit, aber nicht mit einem solchen Erdrutsch: 43 Prozent, 17 Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Ein solches Debakel lag bislang außerhalb jeder christsozialen Vorstellungskraft.

Die ersten, die ihre Sprache wieder finden, sind die Vertreter der Parteijugend. "Ein Desaster", murmelt einer. Neben ihm steht eine junge Frau im Dirndl und kämpft mit den Tränen. Das sei ein "schwarzer Tag für Bayern", sagt sie schluckend. Für ihre Generation war der Erfolg der CSU bislang ein Naturgesetz. Seit sie sich erinnern konnte und lange davor lag ihre Partei immer bei weit über 50 Prozent.

Obwohl der Saal proppevoll ist, lassen sich prominente Politiker der CSU zunächst nicht blicken. "Die verhandeln jetzt über Hubers und Becksteins Kopf", heißt es, wo man sich auch umhört.

Zeit für die Hinterbänkler, Dampf abzulassen. Nach zwanzig Minuten haben sie den ersten Schock verdaut, die Fassungslosigkeit weicht der Wut. Ein junger Landtagsabgeordneter, der sein Mandat vermutlich verloren hat, fordert personelle Konsequenzen: Horst Seehofer müsse jetzt sofort Parteichef werden und möglichst bald auch Ministerpräsident, sagt er, bittet aber darum, nicht namentlich zitiert zu werden. Man weiß ja nie, auch jetzt nicht.

Die erste CSU-Spitzenpolitikerin, die sich der Öffentlichkeit und der Parteibasis stellt, ist  Generalsekretärin Christiane Haderthauer. Als sie um 18:30 das Podium betritt, ist die Schuld- und Ursachendebatte bereits im vollen Gange. Haderthauer spricht von "schmerzlichen und hohen Verlusten", der nun eine "sorgfältige Analyse" folgen müssten. Eine "Personaldebatte" stehe aber überhaupt nicht an, wehrt sie entsprechende Fragen ab. Einige Parteifreunde lachen kurz auf, einer sagt grimmig: "Die tritt morgen als erste zurück".

Auch Barbara Stamm, stellvertretende Parteivorsitzende und eine gewichtige Stimme in der CSU, ist inzwischen gekommen. Sie hat eine Mission: Sie will sich der Stimmung gegen die amtierende Parteiführung entgegenstellen. Kaum verklausuliert weist sie darauf hin, dass die CSU bereits unter Stoiber, nicht erst unter Huber und Beckstein, ihren guten Ruf verloren habe. Natürlich müsse man nun selbstkritisch sein, sagt sie, aber die  "Themen, die zur Abwahl geführt haben", beschäftigten die Partei nicht erst seit kurzem, sondern "seit fünf Jahren", also zur Zeit, als noch der vormaligen Regierungschef Land und Partei beherrschte.

Das scheint die vereinbarte Sprachregelung der Parteiführung zu sein. Der Name Stoiber fällt an diesem Abend in den offiziellen Analysen zwar selten, aber auch Beckstein und Huber, die kurz nach 19 Uhr gemeinsam das Podium erklimmen, nehmen ihn in Mithaftung. Diese historische Niederlage sei "nicht Ergebnis des Wahlkampfes oder des vergangenen Jahres", sagt Günther Beckstein, sondern eben "die Summe von fünf Jahren".

Ob die Basis ihnen das glaubt? Beckstein und Huber werden jedenfalls nur mit dünnem Applaus begrüßt und verabschiedet. Manche hier im Saal hätten es angemessen empfunden, wenn wenigstens einer von ihnen noch an diesem Abend die Verantwortung für übernommen hätte und zurückgetreten wäre. Immerhin kündigt Huber an, "sich schonungslos der Analyse zu stellen", und betont lediglich, dass er "heute" sicher keine Schlussfolgerungen ziehen werde. Vielleicht morgen?

Auch lnnenminister Herrmann, der sich unters Publikum gemischt hat, deutet an, dass es bald einen Wechsel an der Spitze geben könnte. Angesichts der anstehenden Europawahl "müsse man sich nun schnell Gedanken machen, wie's weitergeht", sagt er vielsagend. Ähnlich klingt es bei Fraktionschef Schmid, der sagt: "Die Parteigremien müssten nun die Führungsfrage diskutieren." Dass beide sich so äußern, ist sicher kein Zufall. Denn beiden werden Ambitionen auf die Führungsämter nachgesagt.

Becksteins Aussage dagegen lässt weniger Raum zur Spekulation: Er stehe bereit, die Koalitionsregierung anzuführen, die nun gebildet werden muss. Selbstredend habe ihn das Ergebnis "kalt erwischt", sagt er, aber schließlich müsse ja nun einer in den sauren Koalitionsapfel beißen.

Hans Spitzner hat schon einige Landesväter und Parteichefs kommen und gehen sehen. Er, der nach 34 Jahren ohnehin aus dem Parlament ausscheiden wollte, ist mit der ersten Analyse Hubers und Becksteins nicht zufrieden. Der Parteiführung sei es "offensichtlich nicht gelungen, die Stammwähler anzusprechen". Nun eine "Schuld-Kampagne" gegen Stoiber zu fahren, hält er für unehrenhaft. "Wo hat die CSU denn bei Stoibers Abgang gestanden?", fragt er rhetorisch, um die Antwort gleich nachzuliefern: bei 55 Prozent! Und nun das: Eine so "schlechte Stimmung am Wahlabend" hat der langjährige Staatssekretär und künftige Polit-Pensionär noch nie erlebt.

Als die weiß-blauen CSU-Fähnchen schon achtlos auf dem Boden oder im Mülleimer liegen, überträgt die ARD noch Interview von Horst Seehofer aus Ingoldstadt. Der Bundesverbraucherminister gilt als erster Anwärter auf Huber und vielleicht auch Becksteins Posten. Er habe "noch keinen so bitteren Tag wie heute erlebt", sagt Seehofer mit staatsmännischer Miene, das sei eine regelrechte "Katastrophe". Nun müsse man "einiges ändern", fordert er. Die Partei müsse sich nun "im Konsens" geeignete Schritte überlegen.

Konkreter wird er nicht. Aber die Botschaft ist auch so angenommen. Die wenigen, die im Saal 1 noch zuhören, lachen höhnisch auf: "Konsens", äffen sie Seehofer nach. Den scheint die CSU spätestens an diesem Abend endgültig verloren zu haben.

 

 

 

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