Die Zahl der Singels nimmt immer mehr zu, die Zahl der Partnersuchenden auch.

Um 17 Uhr war ausgemacht, im kleinen Café am Rande der Stadt. Erkennungszeichen: grünes Tuch. Sie ein Halstuch, ich ein Einstecktuch. Und pünktlich wollten wir sein, am Dienstag Punkt fünf.
Um fünf vor fünf war ich schon da, allerdings nicht im Café, sondern draußen vor dem Café, in sicherer Entfernung mit gutem Blick auf die Eingangstür. Ohne Einstecktuch, versteht sich. Man will ja nicht gleich erkannt werden und erst einmal checken, wer da so alles ins Café pendelt und wieder raus.
Punkt fünf Uhr. Weit und breit nichts von Mathilde zu sehen! Nach zwei weiteren quälenden Minuten war ich das Warten satt und betrat das Café, ohne Einstecktuch. Kaum Menschen zu sehen: zwei ältere Ehepaare nur, das eine plaudernd, das andere über Kuchenteller gebeugt. Vorne links saß noch eine einzelne Dame. Sie war am Telefonieren und gönnte mir nur einen kurzen Blick.
Wohin mit mir? Ich wählte einen Platz, von dem aus ich alles recht gut im Auge hatte. Die Dame unweit von mir hatte ihr Handy wieder weggesteckt und musterte mich nun etwas eingehender. Auch ich wagte nun häufigere Blicke in ihre Richtung und sah es dann auch, das grüne Seidentuch um ihren Hals. Mathilde! Doch es war nicht die Mathilde, die ich mir eingebildet hatte. Leider! Diese Mathilde war schon etwas älter und mit ein paar Pölsterchen zu viel!Mein Einstecktuch blieb da, wo es war. Gerade wollte ich zahlen, da stand Mathilde auf und steuerte meinen Tisch an. "Gestatten Sie?", sprach sie mich ohne Zögern an. "Ja ja, natürlich!", entgegnete ich überrascht und rückte ihr einen Stuhl zurecht. "Sie warten auch hier?", kam schon die nächste Frage von meiner neuen Tischnachbarin. "Mehr oder weniger", sagte ich etwas verwirrt, denn auf dieses Gespräch war ich nicht vorbereitet. "Ich auch, mehr oder weniger", gestand Mathilde freimütig.
Mathilde schien meine Aufbruchsstimmung nicht wahrzunehmen. Immer wieder verwickelte sie mich in ein Gespräch, und je länger wir sprachen, desto mehr zog sie mich in ihren Bann. Ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Stimme, ihr Parfum, einfach ihre ganze charmante Art faszinierte mich nun! Ich beschloss, mich jetzt auch Ihr erkennen zu geben. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, zupfte ich mein grünes Einstecktuch heimlich nach oben, erst wenig, dann immer mehr. Doch Mathilde übersah es jedes Mal, auch als es fast schon aus der Brusttasche heraus zu fallen drohte. Nichts half! Schließlich gab ich frustriert auf.
Als das Café schloss, fuhr ich Mathilde heim. Ich begleitete sie bis zur Haustür. Da sie keine Anstalten machte, mich noch auf eine Tasse Kaffee zu sich einzuladen, war unser Abschied höflich, aber kurz. Bevor ich wieder losfuhr, öffnete ich noch rasch das Seitenfenster und winkte ihr mit meinem Einstecktuch noch einmal zu. Mathilde winkte auch zurück, doch nicht mit ihrem Seidenschal, wie ich gehofft hatte.

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Kommentare
axelhaack
22.07.2008 10:55
@ hendrix: Mathilde ist eben eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will bzw. was sie wert ist. Seit Tagen rufe ich sie schon auf dem Handy an. Doch es meldet sich immer nur diese blöde Mobilbox! Noch gebe ich das Rennen nicht verloren ... -Axel-
hendrix
21.07.2008 00:51
Interessant geschrieben! Doch! Wie man aus einer altbekannten Situation sowas machen kann, ich finde es is gut geschrieben und lässt mathilde ganz schön interessant werden.