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Kultur | 27.03.2008 18:57  Drucker

Die große Frage unserer Generation


Ein verzweifelter und aussichtsloser Versuch, in der Musik unserer Generation eine alles umfassende Bewegung zu entdecken.

Neulich stand ich mal wieder in einen örtlichen Club, ein Alternativladen; wobei ich mich bei solchen Läden immer frage woher das Wort „alternativ“ kommt, denn die Musik die dort gespielt wird ist, wenn auch selten Mainstream-HipHop, so doch Mainstream Hardcore und Punk. Ich stand da und versuchte mich zwanghaft mit den Menschen um mich herum zu identifizieren, aber es ging nicht. Und ich fragte mich, was denn überhaupt das verbindende Band all dieser Leute hier war? Eine große Frage die mich da bewegte und ich versuchte ihr auf den Grund zu gehen.
 
Was ist der Geist unserer Generation? Was ist das große Ziel auf das unsere Jugend zuläuft?
Um diese Frage zu beantworten müssen wir uns notgedrungen erst mal vergangene Generationen anschauen um überhaupt einen Maßstab zu haben an den wir die Gegenwart messen können; davon ausgehend das es stets sinnvoll ist, gegenwärtiges mit vergangenem zu vergleichen, wenn man wissen will, was die Zukunft bringt.
Als der Höhepunkt des Rock n Roll überschritten war, die Love-Generation im Drogenrausch den Bezug zu jeglicher Realität verloren hatte und die feine Wohlstandsgesellschaft der Nachkriegsjahre immer offensichtlicher zu bröckeln begann, reagierte die Jugend instinktiv mit der Erfindung des Punk. Im Gegensatz zum Rock n Roll war er roh und simpel, und passend zu den immer mehr zu Tage tretenden Auseinander driften der Gesellschaft, sich anhäufende Arbeitslosigkeit, Integrationsprobleme von Ausländern, Verelendung von Arbeiterschichten und einer großen Desillusionierung nach dem Krieg als die Fronten sich verhärteten im kalten Krieg, war die Message dieser Bewegung provozierend ehrlich: Keine Zukunft, keinen Beitrag zu dieser Gesellschaft, Desillusion und Angekotztheit. So ganz im Gegensatz zum Optimismus der Hippie-Generation. Es war eine klare Gegenbewegung allem gegenüber, was vor ihnen war. Was vor dem Punk war. Don’t be told what you want don’t be told what you need/ There’s no future no future no future for you. Das war etwas neues, etwas bewegendes, etwas, was aus der Sicht der Älteren die Grundfeste der Gesellschaft angriff und die Jugend, welche die Nation tragen sollte, vollkommen verkorkste. Andere musikalische Richtungen, jedoch ebenfalls im Stile dieser Bewegung, vor allem der Anti-Haltung gegenüber der Hippiebewegung, entstanden auch Anfang der 70er Jahre; zb. der Metal aus dem Hard Rock. Hier war es vor allem das Okkulte, die Hinwendung zu allem was Tod und Dunkelheit symbolisierte, was die Jugendlichen anzog und aus der bröckelnden Wertegemeinschaft der älteren Generation holte.
Anfang der 80er Jahre begannen wieder konservative Werte in der Gesellschaft, auch unter den Jugendlichen, an Einfluss zu gewinnen. Thratcher und Reagon standen stellvertretend für eine neue Richtung der Politik in der die 68er nichts mehr zu sagen hatten. Es war die politische Gegenbewegung zum Freiheitsdrang der Hippies und Punks, mögen ihre Ausdrucksweisen auch noch so unterschiedlich gewesen sein. Es war die Realpolitik einer nüchtern werdenden Generation. Der erwartete Frieden durch die positiven Energien von LSD und Cannabis schon lange in Heroin und Crack verpufft, der Zusammenbruch der Gesellschaft durch jugendliche Verweigerung ferner denn je. Man passte sich wieder an. Politik gab wieder Werte vor. Arbeit, Gehalt und Leistung waren wieder so sehr aneinandergekettet wie Pazifismus und der obligatorische Hang zu weichen Drogen. Wer an den Wochenenden in die Disko wollte um den neu aufkommenden Stil der 80er zu praktizieren, der konnte das tun und trotzdem ein vollwertiges, vorbildliches Mitglied der Gesellschaft sein.
Darauf wiederum reagierte die Musik mit einer neuen Bewegung. Anfangs eher von einer Minderheit getragen, sollte sie enorme Bedeutung für kommende Generationen haben: Der Hardcore.
Bands wie Black Flag und Minor Threat entwickelten in den USA den Punk weiter in dem sie ihn noch roher, radikaler und schneller spielten. Es war eine vor allem aggressive Form der Musik.
Die Bewegung an sich war sehr individuell und nonkonform. Nach dem Do it yourself Prinzip galt nur der Glaube an sich selbst. Sehr schnell nahm der Hardcore viele Auswüchse an. Von politisch absolut nihilistischen Einstellungen, bis hin zu Aktivisten für Tierrechte, politischen Freiheiten und überhaupt gegen alles zu sein, was die Freiheit des Individuums einschränkte. Es war der Hass gegen die Leute mit denen man zur Arbeit ging, gegen Politik, gegen die Regierung, gegen die Gesellschaft, einfach alles, was einem irgendwie aufstieß, welcher die Teenager verband, welche sich nun dem Hardcore zuwandten.
Nach dem gleichnamigen Song von Minor Threat entwickelte sich die Straight Edge Bewegung die sich gegen die Ausbeutung der Tiere richtete und auf jegliche Tierprodukte verzichtete, aber auch auf die Ausbeutung des Geistes, in dem sie Drogen als ein Mittel des Staates zur Unterdrückung individueller Entfaltung ansahen.
Im Laufe des Zeit trat dieser Charakter des Hardcore immer mehr in den Vordergrund als verbindendes Glied fast aller Auswüchse: Die Verneinung alter staatlich-gesellschaftlicher Traditionen die gegen die Freiheit des Einzelnen stehen. Und zu dieser Freiheit gehörte die musikalische Vertonung purer Wut auf eben jene Gesellschaft und Misstände oder einfach nur auf seinen spießigen Nachbarn der mit seiner Cosby-Vorzeige-Familie seinen Kaffee jeden Abend mit Kuchen im Garten trank.
Ende der 80er Jahre endete offiziell die Ära der „alten Schule“ des Hardcore und neue Bands, die völlig neue Elemente aufnahmen und praktizierten entstanden, trugen aber die Ideen des Hardcore bis in die Gegenwart als die vielleicht entscheidende gesellschaftliche Anti-Grundhaltung (mit einem guten Schuss sozialer Forderungen) moderner Jugendlicher weiter. Dies ist freilich eine sehr oberflächliche Darstellung und wird den vielen Facetten der Punk und Hardcore-Musik (auch auf ideeller Ebene) bei weitem nicht gerecht. Dies soll hier an dieser Stelle aber auch nicht getan werden.
Nach diesem kurzem Abriss der modernen Musik- vor allem Punkrockgeschichte ist es sinnvoll direkt in die Gegenwart zu springen. Den in den 90ern aufkommenden Rave und Techno, die neue Musik des Discofloors als vor allem kommerziell ausgeschlachtete Musikrichtung (so wie je näher wir der Gegenwart kommen, die Musikindustrie immer mehr Kontrolle über alle wichtigen Erscheinungen in der Jugend bekommt) will ich gar nicht groß erwähnen, mag sie noch so eine große Bedeutung für die heutige Jugend haben. Die wichtigen Entwicklung des Punk, Hardcore und Hip Hop in den 90ern möchte ich an dieser Stelle auch nicht weiter beleuchten. Wir wollen uns ja nicht in einer möchtegernwissenschaftlichen Abhandlung der Musikgeschichte vertiefen und auf unseren Club zurück kommen in dem ich eines Abends stand und nachdenklich, ja leicht resigniert meine Generationsgenossen betrachtete.

Es sind vor allem zwei große Stilrichtungen, die die heutige Generation bestimmen. Nehmen wir die kommerziell ausgeschlachteten Mainstream Bands dazu, die regelmäßig in den Charts auf und ab erscheinen, sind es drei.
Die beiden anderen, aus denen sich der Mainstream jedoch bildet und bedient, sind Hip Hop und eben der Hardcore/PunkRock(/Metal), wenn er auch in seiner heutigen Form vor allem durch die Unterkategorie Emocore und ähnlich alternativen Erscheinungen repräsentiert wird.
Hier herrscht zwar prinzipiell die musikalische und ideelle Tradition des Hardcore, es ist jedoch vor allem ein gewisser Nihilismus, eine traurige, desillusionierte Abkehr von der Gesellschaft hin zum Dunkeln der Seele der dem traditionellen Hardcore entgegen tritt und dort vor allem als „Schwäche“ auf charakterlicher wie musikalischer Ebene ausgelegt wird. Ein Rückschritt vom wahren Hardcore. Das viele Emo-Bands die Zugehörigkeit zu diesem neuen Stil bestreiten und sich dem Hardcore zuschreiben, scheint dies nur zu bestätigen.
Der Hip Hop hat eine sehr lange Tradition und ist ebenfalls mehr als nur Musik. Er ist wie die oben beschriebene musikalische Entwicklung von Punk zu Hardcore auch Ausdruck gesellschaftlicher Misstände und ein Lifestyle, der eine alternative zu der Konformität der Gesellschaft bietet.
Seine Ursprünge in afrikanischer Musik, entstand er in den 70ern und erlebte seinen ersten Aufstieg wie der Hardcore in den 80ern. Wie der Hardcore war er für Außenstehende fremd, ja verstörend, und für viele Jugendliche eine rebellische Form der Musik.
Für die meisten heute ist es einfach nur eine Mode. Eine Form sich selbst darzustellen. Und der moderne „alternative“ Punk und Hardcore lediglich eine Gegenhaltung zum Hip Hop, die genauso in selbstdarstellerischer Mode verkommen ist. Die Emos haben nichts anderes im Kopf als ihren ach so großen Seelenschmerz und wie sehr sie sich doch von der Schulklasse ausgegrenzt fühlen, die Leute die vorzugsweise HipHop hören leiden meist an maßloser Selbstüberschätzung und reden sich ein das Leben wäre eine Plattform zur Selbstdarstellung, am besten dabei möglichst viele Frauen flachlegen.
Ich stand in einer dunklen Ecke des Clubs, trank mein Bier und beobachtete diese Leute, eine Symbiose aus Mainstream HipHop und Mainstream Punk. In der Woche auf der Suche nach einer mehr oder wneiger künstlich erschaffenen Identität um am Wochenende sich zu präsentieren bis die Gesellschaft sie durch äußere Zwänge in eine Arbeit und in die „Ruhe“ zwingt. Wenn mich jemand gefragt hätte was all diese Leute verbindet, ich hätte keine Antwort gehabt. Ich glaube niemand hätte eine Antwort gehabt. Vielleicht der Alkohol, oder den Willen Spaß zu haben für ein paar Stunden, der Wille zu konsumieren. Ich denke das wäre die treffendste Antwort auf diese Frage. Große Fragen interessieren hier niemanden. Wut auf die Gesellschaft in vielen latent vorhanden, aber mehr als Ausdruck individueller Leere und Perspektivlosigkeit als dem Gefühl, einer großen Sache anzugehören, einer Bewegung. Das was all diese Leute verbindet scheint mir nur der Konsum zu sein.
Individualismus in seiner reinsten Form wirst du sagen; was ist daran verkehrt? Jeder so wie er will?! Wir haben doch alle die Lehre aus damaligen Bewegungen gezogen, das sich nie etwas verändern wird nur weil eine Horde Jugendlicher einem Kult nachrennt. Ein Kult der sich um Wut und Veränderung dreht bis sein Licht erlischt und seine Anziehungskraft nach lässt so das die Leute in alle Himmelsrichtungen allein davon schweben.
Ich finde die Gesellschaft ist von einem seltsamen Paradoxon durchzogen, das die größte Individualität durch das verschwinden jeglicher übergreifender Bewegungen, die größte Qualitätseinbuße in der Masse vorzuweisen hat. So wie die Anonymität zunimmt, je mehr Menschen auf einen Haufen leben, so verschwindet die Individualität, je mehr Menschen davon Gebrauch machen. Sie verschwindet in einer Masse. Und die Masse war schon immer eine lenkbare, leicht zu manipulierende Hure, die für den Konsum selbst den billigsten Schwanz lutschen würde, und wenn es der von Dieter Bohlen ist. Die Musikindustrie arbeitet ganz gezielt mit den Bedürfnissen der Jugendlichen, mit „rebellischem“ Image. Sie saugt ganz bewusst das beste aus einer Gruppe heraus um den größtmöglichen Profit mit ihr zu machen. Ich vermisse die Kunst in der Musik unserer Generation. Die unverwechselbare Note, die Kraft, die Energie die von ihr ausgeht.
Vielleicht bin ich aber auch nur einer dieser Leute die ständig nur meckern können. Einer von denen die sich selbst als etwas Besonderes sehen können, in dem sie die anderen als dumme Mitläufer entlarven. Oh Gott, einer dieser Idioten, dieser Musiksparten-Rassisten. Ich selbst sah mich immer als ein Beobachter der Dinge, nie als einer der mittendrin ist, vielleicht kann ich deswegen viele Dinge der Gegenwart nicht verstehen zu denen man einfach noch nicht genug Abstand hat. Ich versuchte mir diesen logisch klingenden Satz einzureden und nahm einen großen, letzten Schluck Bier.

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 Kommentare

4 Kommentare / Kommentar schreiben

Profilbild von Quaxi

Quaxi

30.03.2008 21:59

Spiele selber in einer Grunge-Band und kann deinen Artikel als überaus gelungen bezeichnen. Sehr schön

Profilbild von Lesari

Lesari

30.03.2008 15:42

Wirklich klasse geschrieben. Die Musik spiegelte oft eine Generation wieder. Zur jetzigen finde ich allerdings, das alles zu einem großen Brei geworden ist Es scheint mehr um das Geld zu gehen,und das was sich damit vermarken läßt. Hatte früher eine bestimmte eine Musikrichtung eine Aussage, so fehlt mir diese heute. Singen und Berühmt werden ist ein Marketingstrument geworden, um die Jugend zu unterhalten.
Vielleicht ist es eine generelle Leere, die der Mensch entwickelt, angesichts der zunehmenden Medienkonsum.
Vielleicht folgt wieder eine Musik,die in Erinnerung bleibt.
Lesari

Profilbild von MuederJoe

MuederJoe

29.03.2008 21:03

Vielen dank. Ich hatte die Befürchtung das der ganze Text etwas wirr und Chaotisch sei.
Ich studiere Politikwissenschaft.

Profilbild von hendrix

hendrix

28.03.2008 18:24

Ich finde den Artikel sehr klasse und ehrlich gesagt kann ich deinem Gedankengang sehr gut folgen..darf man fragen, was du studierst?

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