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Umwelt | 22.01.2008 19:46  Drucker

Eine besondere Wohngemeinschaft


Behinderte Menschen werden gerne in Heime und Werkstätten abgeschoben, meist dezentral und oftmals auch weit weg von der nächsten Stadt. Die Rechtsprechung erkennt jedoch an, dass auch Behinderte ein Anrecht darauf haben, selbstbestimmt leben zu können, in einer eigenen Wohnung - ganz normal, wie jeder andere auch. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Ich habe mich in einer neuen Behinderten-WG - mitten in Oldenburg - umgeschaut.

Eine besondere Wohngemeinschaft

SELAM, so heißt eine gemeinnützige Gesellschaft in Oldenburg, die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen anbietet. Die Abkürzung SELAM steht für „Selbstbestimmt leben und wohnen mit ambulanten Hilfen“. Im Februar eröffnete die SELAM eine Behinderten-Wohngemeinschaft mitten in Oldenburg, in der Stresemannstraße im Stadtteil Donnerschwee. Vier Menschen mit völlig unterschiedlichen Behinderungen leben hier zusammen. Die GSG - die gemeinnützige Siedlungsgesellschaft in Oldenburg - stellte die Wohnung zur Verfügung. Wie sieht der Alltag in einer Behinderten-WG aus? Andre Huisinga von der SELAM:


André Huisinga:
„Das Zusammenleben in dieser Wohngemeinschaft muss sich natürlich erst noch einspielen. Das ist ja ganz normal, wenn man gerade erst zusammen gezogen ist. Bei zwei der Bewohner ist es so, die haben über 40 Jahre lang zu Hause gewohnt bei ihren Eltern. Das ist schon ein großer Schritt, da erst mal zusammen zu kommen, das klappt aber in den ersten Zügen ganz gut! Es ist so, dass hier der ganz normale Alltag herrscht. Frühstück, am Wochenende gibt’s dann natürlich auch Mittagessen, dann gibt es Abendbrot. Es gibt die Möglichkeit, hier einfach selbstbestimmt zu wohnen. Das heißt, wenn einer der Bewohner gerne möchte, dass ein Kinobesuch stattfindet oder ein Einkaufs- oder Stadtbummel, dann wird das umgesetzt, das ist eben das besondere am ambulanten Wohnen, dass man die Möglichkeit hat, das zu tun, wozu man dann auch Lust hat! Man ist nicht an eine organisatorische Form gebunden, wann denn nun ein Mitarbeiter da ist und wann nicht.“

Lajos ist einer der Mitbewohner. Seine Mutter, Eika Bindgen, sieht in der WG viele Vorteile.

Eika Bindgen: „Ja, das sind hier vier Mitbewohner und die werden morgens von einem Betreuer geweckt und ihnen wird dann Hilfe gegeben beim Anziehen, beim sich fertig machen, beim Frühstücken und ich glaube gegen halb acht kommen dann die beiden Busse und holen die Betreuten ab. Gegen vier kommen sie dann wieder, dann wird eine gemeinsame Teestunde gemacht. Dann haben Einzelne Außenaktivitäten wo sie begleitet werden, andere bleiben hier, ruhen sich aus, dann wird ein gemeinsames Abendbrot veranstaltet und dann zieht sich in der Regel jeder zurück, geht schon schlafen oder guckt noch Fernsehen oder man sitzt noch beisammen. Am Wochenende werden alle auch den ganzen Tag über betreut, es wird gemeinsam eingekauft, es wird sauber gemacht zusammen, es wird geplant, was eingekauft werden soll. Die Nacht über schläft ein Betreuer in der WG, sodass auch immer Hilfe geleistet werden soll, wenn es notwendig wird.“

Die Finanzierung des Projektes ist noch nicht gesichert, Eika Bindgen, die Mutter von Lajos, kämpft um die Übernahme der Kosten durch die Stadt OL. Die möchte Lajos lieber im Gertrudenheim unterbringen.

Eika Bindgen: „Lajos war eben jahrelang bei mir zu Hause unauffällig und normal. Ich konnte mit ihm völlig in der Öffentlichkeit sein, Theater, Kino - das war alles völlig problemlos. Er ist dann in der Werkstatt, wo er erst mal dann tagsüber war, sehr auffällig geworden. Da war einfach die Betreuung für ihn zu gering. Er war einer von sechs bzw. einer von zwölf, wenn sein Betreuer krank war und da ist er einfach abgeglitten. Und es war eben auch so, dass sein Verhalten nicht nur in der Werkstatt auffällig wurde, sondern auch zu Hause unkontrollierbar wurde. Er schlief nicht mehr und wir haben einfach die Situation nicht mehr in den Griff bekommen und haben dann um Hilfe gebeten und sind zum Gesundheitsamt gegangen und die haben uns dann Schritt für Schritt eigentlich auch geholfen und die SELAM vor allen Dingen hat uns die Möglichkeit gezeigt, wie Lajos angemessen weiterleben kann.“

Die Betreuung ist zeit- und arbeitsaufwendig, da sie je nach Behinderung fast rund-um-die-Uhr stattfinden muss.

André Huisinga: „Im Grunde ist es eine rund-um-die-Uhr-Betreuung. Es gibt den Zeitraum, in dem die vier berufstätig sind, das heißt sie gehen entweder zu einer Tagesförderstätte hier in Oldenburg oder auch zur Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.“

Die Mühe scheint sich zu lohnen, die Mitglieder der WG machen einen durchweg zufriedenen und glücklichen Eindruck. So freut sich Ursel über ihr eigenes Zimmer und zeigt es stolz jedem, der es sehen möchte.

Ursel: „Das ist mein Zimmer. Und zwar, das ist mit Beleuchtung. Groß ist es zwar, aber nicht so viel. Ich habe auch noch keine Schränke, das sehen sie auch schon. Schränke und auch meine Stereo-Anlage, die fehlt. Videorecorder, DVD-Player - alles ist hier und ich habe auch einen Disc-Man dabei!“

Hergen hat seine Freude in einem Bild zum Ausdruck gebracht, er malte ein Krümelmonster.

Hergen: „Ein Krümelmonster!! Krümelmonster! Ja! [lacht]“

Die Wohnung befindet sich in einem ganz normalen Wohnblock der GSG mit ganz normalen Nachbarn. Transparenz und ein Miteinander im Haus sorgen dafür, dass es sich auch bei den Behinderten um ganz normale Mieter handelt, in einer ganz normalen Straße, mitten unter uns, in Oldenburg. Die Behinderten haben eben auch das Recht zu leben, wie Nichtbehinderte. Hier wurde dieses Grundrecht umgesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Behörden bereit sind, dieses Recht auf ein ganz normales Leben anzuerkennen und zu fördern. Viel mehr fordern die Behinderten nicht - aber auch nicht weniger.




(Transkription eines Radiobeitrages. Anhören unter: http://www.olisabendshow.de/ - Sendung Nr. 9 vom 21. März 2007)


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Quelle: OlisAbendshow.de
Bewertung: 4.9
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 Kommentare

1 Kommentare / Kommentar schreiben

Profilbild von Lesari

Lesari

01.03.2008 13:57

Ich finde ist das eine gute Idee. Warum sollten Behinderte nicht das gleiche Recht haben, in einer WG zusammenzuwohnen. Es bestimmt wie in jeder Gemeinschaft, wo sich zusammengerauft wird.Und für jeden eine Bereicherung.
Ich wünsche dem Projekt das es eine solide Finanzierung finden kann, weil es der richtige Schritt ist.Viel Erfolg, und ich bin gespannt wie es weitergeht.
Lesari

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