Rocky – Heute: Mein Drogenabsturz „Kiffen, koksen, poppen“
 
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Schlagzeilen | 24.11.2007 00:11  Drucker

Rocky – Heute: Mein Drogenabsturz „Kiffen, koksen, poppen“


Die vergangene Nacht war hart. Vollgedröhnt bis zur Hutkrempe bin ich einmal mehr im Delirium eingeschlafen. Verdammt, der Stoff ist alle. Wo bekomme ich Nachschub her? Ich weiß zwar, wo ich meinen Dealer finde, doch ich habe Angst, vor die Tür zu gehen. Glaube, jeder sieht mich, jeder erkennt mich und jeder quatscht mir gleich die Taschen voll. So muss es sich anfühlen, wenn man unter Verfolgungswahn leidet. Traurig aber wahr: Ich bin paranoid.

Im Sommer 1992 wird mein Tagesablauf vom Kiffen bestimmt. Joint rauchen, abhängen, von der Glotze berieseln lassen, kiffen, mit Videospielen die Zeit totschlagen, essen, kiffen, poppen, noch mal Glotze, kiffen, schlafen. Aufstehen und wieder von vorne das Ganze. Ich hänge in einer Endlosschleife.

Meine Drogensucht bestimmt mein Leben. Fast zwei Jahre bin ich von der Bühne verschwunden, gelte als Frührentner des Boxens, als einer der seine Karriere leichtfertig weggeworfen hat. Mich interessiert das ganze Gequatsche nicht.

Die Kohle geht den Bach runter. Für Shit, Alkohol und auch für Koks. Ich schniefe das weiße Zeug nicht oft. Einmal gekokst ist schon einmal zuviel. Das begreife ich zwar nicht sofort, aber auch nicht zu spät.

Erstaunlich, wie lange mein Schatz das Spielchen mitspielt. Aber irgendwann ist jede Geduld am Ende, auch die von Christine. „Graciano, du hast die Wahl. Entweder die Kifferei hat jetzt ein Ende, oder ich bin weg!“

Das war’s. Von heute auf morgen rühre ich keinen Joint mehr an. Meine fast vergessene Fightermentalität lässt sich blicken. Ich alleine im Kampf mit den Drogen. Eisern, diszipliniert, hart gegen mich selbst. Keine Ärzte, keine Medikamente, keine psychologische Betreuung. Einfach Schluss. Sechs Wochen, in denen ich mein Leben völlig auf den Kopf stelle. Das ganze Gift muss raus. Schweißausbrüche, Schüttelfrost, Angstzustände: das volle Programm.

Am 26. Juni 1993 melde ich mich zurück. Mit einem Sieg gegen den Ami Lester Yarbrough. Und gegen die Sucht!

Die echten Gegner triffst Du im wahren Leben, auf der Straße, im Hinterhalt.

„Jegner am Boden, jutes Jefühl!“ Gegner am Boden, gutes Gefühl. Das versteht jeder, der sich schon einmal geprügelt hat.

Mein Bruder Ralf hatte in unseren wilden Jugendjahren eine Taktik, die so einfach wie gewinnbringend ist: Als Erster zuschlagen! Und zwar so hart, dass keiner mehr Lust auf eine Zugabe verspürt. Das funktioniert. Meistens jedenfalls.

Die Türkenclique hatten wir hier noch nie gesehen. Der Größte von ihnen hat unseren Ball kassiert. Die anderen hinter ihm grinsen dämlich. Im nächsten Moment sind ihre Mundwinkel eingefroren.

Ralf hat ihren Anführer niedergestreckt. Eine solche Bombe habe ich noch nie in natura gesehen. Mann, war das ein Schlag! Wir staunen selbst nicht schlecht. Vielleicht einen Moment zu lange. Als Ralf sich den Ball schnappt und wir losrennen, ist unser Vorsprung nicht besonders groß. Und die Türken sind schnell. Zu schnell. Und zu viele.

Zwei der Bande halten mich an der Schulter untergehakt fest, während der Rest meinen Bruder verdrischt. Ralfs Körper zuckt nur noch, wenn er von einem der Tritte getroffen wird. Ansonsten liegt er regungslos auf dem staubigen Boden im Park. „Hört doch endlich auf!“, schluchze ich. Als der Klammergriff sich löst, sinke ich auf die Knie, beuge mich über den leblos wirkenden Körper meines Bruders. Als ich ein leises Stöhnen höre, bin ich erleichtert.

So hart und brutal die ganze Nummer auch ist: Wir können froh sein, dass wir unsere wilde Zeit in den 70er Jahren hatten. 30 Jahre später hätte Ralf wahrscheinlich ein Messer zwischen den Rippen gehabt.

Silvester 1991: Es gibt Stress, weil wir aus der Nachbarschaft mit Böllern beworfen werden. „Hey, lasst den Scheiß mal schön bleiben“ brülle ich. Keine Reaktion. Statt dessen fliegt mir das nächste Ding um die Ohren. Wumm.

Seite an Seite nehmen mein Bruder Ralf und ich Boxerstellung ein.

Scheiße, es ist dunkel, und es sind verdammt viele Gegner. Ich sehe nur kurz das Blitzen in der Hand, die auf mich zugeschnellt kommt. Blut läuft warm über meine linke Gesichtshälfte. Verdammte Schweine.

Mein Gesicht muss geflickt werden.

17 Stiche! Ich sehe aus wie Frankenstein. Aber meine Narbe vom Auge bis zum Kinn hat auch Vorteile: Die Weiber stehen drauf.


Jens Kattermann
Quelle
www.bild.t-online.de

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Quelle: bild.t-online.de
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