In eine Felsgruppe auf dem Rennsteig ist eine merkwürdige Inschrift eingemeißelt, die zwei Geschichtsdaten miteinander verknüpft - bevor sie in der Realität miteinander verknüpft wurden. Niemand weiß bisher, dieses Rätsel zu lösen.

Wandert man auf dem Rennsteig von der Stelle, wo er auf dem Paß bei der Glasbachswiese die Straße Bad Liebenstein - Ruhla kreuzt in westlicher Richtung, so erreicht man auf der folgenden Höhe eine Felsgruppe links des Wanderweges ("Glöckner"), in deren glatte Stirnfläche die Inschrift "1813 wurde hier gepflanzt für 1871" eingemeißelt ist. Jeder denkt natürlich sofort, daß mit den beiden Daten eine Beziehung zwischen der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und der Gründung des Deutschen Reiches 1871 hergestellt wurde, sie also ein Produkt des vaterländischen Siegesrausches im jungen Bismarckreich war. Aber weit gefehlt: Die Inschrift wurde schon 1830 in einem Büchlein des Rennsteigpioniers Julius von Plänckner exakt zitiert!
Das sich hieraus ergebende Rätsel hat so manchem Fan des thüringer Höhenpfades Kopfzerbrechen bereitet: Warum nur wurde eine 58jährige Zeitspanne in die Zukunft projiziert, wo doch die Forstwissenschaft seit eh und je in Dezennien rechnet? Als gesichert kann nur eines gelten: Ruhla besaß anfangs des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Forstakademie und galt als Zentrum der jungen Forstmathematik. Eine benachbarte Inschrift ("Den Jahren 1809-1812") wurde nachweislich aus der Fehlschußkasse der Eleven finanziert, weswegen der Schluß naheliegt, daß die rätselhafte Inschrift vom Folgejahrgang veranlasst wurde (Schwartz 1957). Gesichert ist auch, daß der Glöckner 1813 aufgeforstet wurde.
Aber warum die 58 Jahre? Daß die Forstmathematiker glaubten, besonders exakt kalkulieren zu können, scheidet als Möglichkeit aus, da man auch damals schon mit einer Umtriebszeit der Fichte von 80-120 Jahren rechnete und die Höhenlage die Erwartung eher nach oben als nach unten schrauben mußte. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung des Ruhlaer Fabrikanten und Schriftstellers Alexander Ziegler von 1862, der die in Rede stehende Pflanzung nach rund 50jährigem Wachstum und knapp 10 Jahre vor der in der Inschrift möglicherweise prophezeiten Schlagreife begutachtete: "Ob das auf dieser Höhe des Waldes herrschende rauhe Klima, sowie auch vielleicht der magere Boden, diese Worte in Erfüllung gehen lassen, muß freilich dahin gestellt bleiben". Und in der Tat wurde der 1813 auf dem Glöckner gepflanzte Wald auch erst im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geschlagen.
Angesichts dieses Dilemmas schlugen die Rennsteig-Enthusiasten verschiedene Wege ein. Schwärmerisch erklärte "Rennsteigvater" August Trinius die Inschrift 1890 zur
"... Prophezeiung, die erst mit der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches sich seltsam erfüllt hat... Schon ältere Schriftsteller erwähnen dieselbe, ohne freilich den dunklen Sinn enträtseln zu können, der sich uns erst seit jenen glanzvollen Siegestagen ohne Gleichen in so wunderbarer Weise entschleiert hat."
Nüchtern, aber gleichwohl unlogisch blieb der klassische Rennsteigführer von Bühring/Hertel von 1910, der einfach behauptete, die Inschrift sei "natürlich" forstwirtschaftlichen Berechnungen entsprungen. Diese Meinung hat sich bis heute gehalten, so etwa im DDR-Rennsteigklassiker von Otto Ludwig (1974), der in dem "seltsamen Spruch" einen "Hinweis auf den kommenden Hochwald und die künftige Schlagreife des umliegenden Waldbestandes" sah.
Seit dem kam wenig hinzu, außer der erstmaligen Problematisierung des Rätsels in einem Wanderbuch (Etzel, 1993), in welchem die Felsgruppe außerdem zur "Rennsteig-Sphinx" und zum "allermerkwüdigsten Nationaldenkmal Deutschlands" erkoren wurde. Und das ist der Glöckner ja nun in der Tat: Hätte jemand die beiden Siege über Frankreich im 19. Jahrhundert in einem Denkmal verklären wollen, wären die entscheidenden Daten 1813 und 1871 gewesen...
Quellen:
Bühring, Johannes/Hertel, Ludwig: Der Rennsteig des Thüringer Waldes. Führer zur Bergwanderung nebst geschichtlichen Untersuchungen; (3)1930 [1910]
Etzel, Stefan: Der Thüringer Wald. Rennsteig, Goetheweg und 23 weitere Wanderungen; 1993. - Die Website www.stefan-etzel.de/rennsteig/ ist zudem Quelle der Abbildungen.
Ludwig, Otto: Der Rennsteig; Rudolstadt (2)1991 [1974].
Plänckner, Julius von: Der Thüringer Wald. Schilderung dieses Gebirgs nach den neuesten Beobachtungen, als Commentar zu einer Ansicht der Nordseite des nordwestlichen Theils desselben; Gotha 1830.
Schwartz, Ekkhard: Gottlob König. Sein Lebensweg und Lebenswerk als Beitrag zur Forstwirtschaftsgeschichte; (Diss. Humboldt-Universität Berlin 1957)
Trinius, August: Der Rennstieg. Eine Wanderung von der Werra bis zur Saale; Berlin 1890.
Ziegler, Alexander: Der Rennsteig des Thüringer Waldes. Eine Bergwanderung mit einer historisch-topographischen Abhandlung über das Alter und die Bestimmung dieses Weges; Dresden 1862.


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