Wozu Engländer und Franzosen zwei bis drei Jahrhunderte gebraucht hatten, erledigte das deutsche Kaiserreich in gerade mal siebzehn Jahren: ein Global Player im Kampf um Kolonialbesitz zu werden. Weitere neunzehn Jahre später war dann aber auch schon wieder Schluß.

Zu Beginn der 1880er Jahre verfielen die Deutschen in einen Kolonialrausch. Das hatte mit dem Nachholbedarf der "verspäteten Nation" (Helmuth Plessner) zu tun: Man wollte endlich auch im Konzert der Weltmächte mitspielen. Es hatte aber auch mit hoher Arbeitslosigkeit (1881: 9 Mio.) und gleichzeitiger Bevölkerungsexplosion zu tun. Die anderen Kolonialmächte hatten es seit Jahrhunderten vorexerziert, wie man mit überzähligen Landsleuten umgeht: Man exportiert sie zwecks Eroberung von Kolonien und deren Besiedelung (s. Gunnar Heinsohn: Finis Germaniae? Reflexionen über demografische Ursachen von Revolutionen, Kriegen und politischen Niederlagen; in: ZEIT Kursbuch 162/2005).
Bismarck stand dem Kolonialrausch seiner Untertanen prinzipiell ablehnend gegenüber, weil er seinem außenpolitischen Programm widersprach, das ganz auf Besänftigung der anderen Großmächte abzielte. Immer wieder betonte er, daß der Wettlauf um Kolonien und Weltmacht nichts für Deutschland sei, das zufrieden sein müsse, wenn es seine innereuropäische Stellung wahren und sichern kann. Dem Druck von unten konnte er dann aber doch nicht widerstehen, und so kam, was kommen mußte: Er förderte eine seinem außenpolitischen Programm eigentlich widersprechende Politik aus innenpolitischen Gründen, die auf das hinausliefen, was Wilhelm Liebknecht 1883 dem Eisernen Kanzler im Reichstag voller Empörung ins Gesicht schleuderte: "Sie exportieren einfach die soziale Frage!".
Hier in Kurzfassung Deutschlands Weg in das Kolonialabenteuer:
1882, Sommer: Vom Kolonialfieber infiziert, schmiedet der Bremer Tabakgroßhändler Adolf Lüderitz (48; 2. Abb. unten) mit dem arbeitslosen Kapitän Karl Timpe (38) und dem schneidigen Kaufmannsgehilfen Heinrich Vogelsang (21; Abb. oben) tage- und nächtelang Pläne, wo es sich auf Gottes schöner weiter Welt am meisten lohnen könnte, eine private Kolonie unter dem Schutz des Deutschen Reiches zu gründen (das von seiner zukünftigen Aufgabe freilich noch nichts ahnt). Timpe rät zum Südwesten Afrikas, weil es dort riesige Gold- und Diamantenvorkommen gebe und das Land außerdem den Schwarzen billig abzuhandeln sei. Einziges Problem: Die Engländer hatten sich drei Jahrzehnte zuvor schon die Südspitze Afrikas unter den Nagel gerissen und dürften über deutsche Nachbarn wenig erfreut sein.
Herbst: Lüderitz kauft einen 260-Tonnen-Segler, der bald mit einer Ladung von 4.000 Gewehren und 300 Revolvern nebst Munition in See sticht. Kapitän: Timpe, Expeditionsleiter: Vogelsang. Ihr Auftrag: Nach Südwestafrika segeln und dort im Tausch gegen die Waffen soviel Land wie möglich von den Eingeborenen erwerben.
23. November: Lüderitz schreibt ans Auswärtige Amt in Berlin und bittet um den Schutz des deutschen Reiches für seine Unternehmung. Ohne diesen "würden mir die benachbarten Engländer bald genug das Handwerk legen."
1883, 10. April: Landung von Vogelsang & Co. in einer einsamen Bucht am Rande der Namib-Wüste, der späteren Lüderitzbucht.
19. April: Bismarck empfängt Lüderitz und versichert ihn bei einer Flasche Spatenbräus seines und des Reiches "ausgedehntesten Schutzes" für die Unternehmung.
24. April: Telegramm Bismarcks an die deutsche Botschaft in London, daß "amtlich keine Zweifel darüber zu lassen" seien, "daß die Landerwerbungen u. Geschäfte des Herrn Lüderitz ... auf den Schutz des Reiches Anspruch haben." Mit dieser Depesche begann die Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreiches, die von katholischer Zentrumspartei und Sozialdemokraten von Anfang an abgelehnt wurde.
1. Mai: Vogelsang kauft von einem Eingeborenenhäuptling die Bucht und 5 Meilen Land im Umkreis der Küste. Preis: 200 Gewehre und 100 Pfund Sterling.
12. Mai: Fünf deutsche Abenteurer hissen um 16.30 Uhr "unter brausendem Hurrah" der restlichen Schiffsbesatzung über der Lüderitzbucht die deutsche Flagge und stoßen mit Champagner auf die erste deutsche Kolonie an, die in den folgenden beiden Jahren durch Zukäufe auf die Ausdehnung des heutigen Namibia erweitert wird. "Endlich wieder auf deutschem Boden" notiert Vogelsang im Expeditionstagebuch. In der Heimat wird Lüderitz als Held der deutschen Kolonialbewegung gefeiert.
Nun geht es unter dem Schutz des Reiches Schlag auf Schlag: 1884: Togo, Kamerun, Neuguinea - 1885 Ostafrika (heutiges Tansania); Südsee: Karolinen- und Marschall-Inseln; - 1898 Kiautschou-Gebiet in China (99 Jahre auf Pacht) - 1900 Samoa. Mit der Erwerbung dieses Südsee-Paradieses ist das deutsche Kaiserreich an überseeischem Landbesitz gemessen nach England und Frankreich die drittgrößte Kolonialmacht der Welt geworden.
Für Wilhelm II. und seine Berater sind die fernen Länder und Inseln Basis einer deutschen Weltpolitik. Sie träumen davon, eines Tages das Britische Empire zu überflügeln. Vor der deutschen Kolonialgesellschaft erklärt der Kaiser 1896: "Die Kolonialpolitik ist nur ein Zweig der Weltpolitik, die das Deutsche Reich zum Schutz seiner kontinentalen Stellung verfolgen muß. Die Zeit ist vorüber, da das deutsche Spießbürgertum vergessen durfte, was draußen in der Welt vorgeht!" Der Raub- und Beutecharakter wird vom Kaiser glänzend zum Ausdruck gebracht, als er 1898 bei der Vereidigung von Marine-Rekruten verkündet: "Wo der deutsche Aar seine Fänge in ein Land geschlagen hat: das Land ist deutsch und wird deutsch bleiben!" - Neun Jahre zuvor (1889) hatte August Bebel die Sache vor dem Reichstag auf den Punkt gebracht: "Im Grund genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in höchster Potenz ... Und das treibende Motiv ist immer nur Gold, Gold und wieder nur Gold."
Weder Sozialdemokraten noch politischer Katholizismus konnten sich mit ihrer Ablehnung des deutschen "Kolonialimperialismus" gegen den Kolonialrausch breiter Bevölkerungskreise durchsetzen, der politisch vom konservativen Lager getragen wurde. Bei der sogenannten "Hottentotten-Wahl" Anfang 1907, bei der es um einen millionenschweren Nachtragshaushalt für die Südwestafrika-Kolonie ging, triumphierten die konservativen Kolonial- und Weltmachtpolitiker. - Siebeneinhalb Jahre später mündete die unbismarckische Abenteuerpolitik der kaiserlichen Kabinette in Krieg. Die deutschen Kolonien gingen teils schon auf überseeischen Schlachtfeldern verloren - wobei die einheimischen Soldaten den höchsten Blutzoll zahlten -, oder spätestens 1919 mit dem Vertrag von Versailles, nach welchem Deutschland auf "alle seine Rechte und Ansprüche in Bezug auf seine überseeischen Besitzungen verzichten" mußte.
Bildquellen:
www.deutsche-schutzgebiete.de
www.wfg-gk.de
www.braunschweig-touren.de
www.bundestag.de


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Quelle: Jürgen Petschull/Thomas Höpker: Der Wahn vom Weltreich. Die Geschichte der deutschen Kolonien; Hamburg 1986.
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