Simples Rumknobeln, um den Kopf "fit" zu halten, bringt wenig, wenn man nicht zu echter Denkleistung durchstößt.

Mein alter Vater berichtete mir vor einiger Zeit begeistert, daß er Gehirnjogging mache. Nähere Nachfrage ergab, daß es sich dabei um das Herumknobeln an irgendwelchen Rechenaufgaben und das Auswendiglernen irgendwelcher Texte handelt. Auch Kreuzworträtselraten sei hilfreich, damit der Kopf "fit" bleibt. "Denken ist eben Glückssache" sagte ich, ohne mir viel dabei zu denken - und erntete einen beleidigten Blick.
Was ich meinte war, daß ich das alles für Kokolores halte, solange man mit dem "fitten" Kopf nichts Besseres anzufangen weiß, als bei Günther Jauchs Volkshochschule irgendeinen Wissensschnipsel früher als der Kandidat parat zu haben. Fängt Denken nicht erst dort an, wo man einen Wissensschatz durchdringt und zu eigenen Schlußfolgerungen kommt? Was nutzt einer Couchpotaoe ein "fitter" Kopf? Den ganzen Quatsch gleich zu vergessen, den man sich allabendlich aus dem Fernseher reinzieht ist vielleicht segensreicher, als ihn weiterhin im Gehin ertragen zu müssen.
Mit anderen Worten: Geht es nicht eher um Fragen wie: Wie konzentriere ich mich so, dass ich in komplexen Situationen die Übersicht behalte? Wie komme ich mit meinem "fitten" Kopf zu vertretbaren Urteilen? Wie schätze ich die Reichweite von Argumenten ab? Wie kann ich Lösungen von Scheinlösungen unterscheiden? Wie durchschaue ich Manipulationsstrategien - auch die eigenen, die mich in Selbsttäuschung verfallen lassen? Der Dalai Lama sagte einmal, die Gedanken seien wie ein junger Hund, der hierhin und dorthin springe, wie es ihm gerade einfällt und es komme darauf an, sie in Zucht zu nehmen und, sich über sie Rechenschaft abzulegen.
Was uns noch viel zu wenig bewußt ist, ist die bewußtseinsverändernde Kraft der Gedanken. Wenn ich über einer Rechenaufgabe knobele, die mit meinem Leben nicht das Geringste zu tun hat, hat der ganze Energieaufwand mit meinem Leben nicht das Geringste zu tun. Eine vertane Chance. Oder vertane Zeit, die ich genausogut und mit gleichem Resultat bei Günther Jauch verbringen könnte.
Dabei weiß man heute: Die Kraft der Gedanken beeinflußt auch die materielle Architektur des Gehirns. Das ist eigentlich lange bekannt, die moderne Hirnforschung kann heute Beweise anführen, aber Buddha kam auch schon vor 2.500 Jahren ohne sie aus. Was wir heute genauer wissen, ist, daß eine lange gültige Behauptung der Wissenschaft falsch war, wonach im Gehirn eines Erwachsenen die Nervenbahnen starr und unveränderbar seien. Es trifft nämlich nicht zu, wie wir seit Neuestem wissen, dass im ausgewachsenen Säugetiergehirn keine neuen Nervenverbindungen mehr geknüpft werden und die bereits bestehenden Verbindungen unveränderbar sind. Das Gehirn ist vielmehr bis ins hohe Alter hinein plastisch formbar (Neuroplastizität). Und das geschieht - was für eine Überraschung! - ganz einfach durch ... die Gedanken, die wir denken.
Folgerung: Bestimmte Denkweisen können zu geistiger Gesundheit oder aber Krankheit führen. Indem Patienten mit Zwangsstörungen beispielsweise zwanghafte Bedürfnisse willentlich als fehlgeleitete Nervenimpulse betrachten, können sie die Aktivität in dem Gehirnbereich verändern, der die zwanghaften Gedanken hervorbringt.
Genau betrachtet, hat das weitreichende, bis ins weite Feld der politischen oder religiösen Ideologien hineinwirkende Folgerungen. Einerseits verändern diese Ideologien das Gehirn ihrer Adepten, andererseits könnten diese zu einer realistischeren Realitätswahrnehmung hin geformt werden, indem man - durch "Gedankeninjektionen" und nicht durch Gehirnjogging - die Aktivität in jenen Gehirnbereichen erhöht, die für das Abschätzen der Wirklichkeit entscheidend sind. Indem "Patienten" lernen, anders mit Gedanken umzugehen, die sie in den Strudel einer scheinbar plausiblen Weltanschauung ziehen, könnte man die Aktivität in einem Bereich des Gehirns erhöhen und in einem anderen verringern und so das Risiko eines falschen ideologischen "Anfalls" minimieren.
Die große Frage ist allerdings, in welche Richtung diese neuen Erkenntnisse wirken werden. Erster Adressat ist natürlich das weite Feld der politischen "Korrektheit". Ist die Erkenntnis dort aber gut aufgehoben? Freies Denken, das sich seinen eigenen Reim auf das jeweils aktuelle Geschehen macht, welchen Einfluß hat das eigentlich auf das Gehirngewebe und die Verknüpfung der Nervenzellen? Ist der schiere Gedanke an etwas "Unkorrektes" nicht vielleicht irgendwann schon etwas, was als Krankheit eingeordnet wird? In der Sowjetunion unseligen Angedenkens landeten Dissidenten in der Klappsmühle. "Gedanken sind frei" heißt ein altes Schlagwort - Sie machen auch frei, müßte man ergänzen. Sie haben die Potenz, die Gehirnwindungen so zu verändern, dass der Gedanke, der auf sie einwirkt, freie Bahn hat.
Mit anderen Worten: Let´s go!
Quelle: Christian Geyer: Da staunt der Gehirnjogger; in: FAZ 10.9.2007, S. 45 (Link s.u.)
Bildquelle: pixelio.de


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