Das Scheitern, der Misserfolg, die Niederlage - von vielen Menschen werden diese Situationen als schmerzliches Versagen, als «der kleine Tod im Leben» erfahren, umgeben vom Mantel des Schweigens. Doch wer offen und mutig seine Misserfolge,Niederlagen oder Krisen unter das Seziermesser legt, öffnet neue Wege und weckt verborgene Kräfte.
Wenn die erfolgsverliebte Gesellschaft in den Spiegel schaut, muss sie feststellen: Alles schöner Schein. Angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Rekordscheidungszahlen gehört im 21. Jahrhundert die Niederlage zur Biografie nahezu aller Menschen. Doch das muss kein Makel sein. Aus der Krise lernen, heißt die Devise der Therapeuten. Eben: schöner scheitern.
Das Scheitern, der Misserfolg, die Niederlage - von vielen Menschen werden diese Situationen als schmerzliches Versagen, als «der kleine Tod im Leben» erfahren, umgeben vom Mantel des Schweigens. Der US-Soziologe Richard Sennett bezeichnet denn auch das Scheitern als das «große Tabu der Moderne».
Der «flexible Mensch», wie Sennett ihn charakterisiert, stehe in einem neuen, auf ständigen Wandel drängenden Kapitalismus in der Spannung zwischen Erfolg und Misserfolg. Er lebt in einer Gesellschaft, in der das Scheitern geradezu vorprogrammiert ist - und trotzdem möglichst tot geschwiegen wird.
Auch die endlose Reihe an Ratgebern, die windelweiche Wege zum Erfolg versprechen, können das Scheitern nicht verhindern. «Scheitern gehört mittlerweile zur Normalbiografie», schreibt denn auch die Kölner Publizistin Ursula Ott in ihrem Buch zum Thema und geht in die Offensive. Ihre Diagnose: «Es ist kein individuelles Versagen mehr, es ist der Preis der Freiheit.»
Damit dieser Preis nicht ins Unermessliche steigt, empfiehlt die badische Psychotherapeutin Irmtraud Tarr statt Patentrezepten die direkte Konfrontation mit der Niederlage - und wirbt für gescheites Scheitern. «Es ist wichtig zu verstehen, was Scheitern ist und was es nicht ist, um es aus der Tabuzone zu befreien.»
Eine bildreiche Brücke liefern ihr jene Sprachforscher, die darauf hinweisen, dass die Worte «scheitern» und «gescheit sein» eine gemeinsame Wurzel haben: das altpersische Wort «Scheitan». Es bedeutet so viel wie Teufel im Sinne von Spalter. Wer also gescheit scheitern will, muss die Gründe für das Misslingen spalten, einzeln
und genau betrachten - und nicht tabuisieren.
So fragt die Therapeutin ganz praktisch: Beherrscht das Scheitern uns oder wir das Scheitern? Und sie stellt den Gescheiterten ein auf den ersten Blick verblüffendes Vorbild an die Seite: Donald Duck. Für sie ist Walt Disneys Zeichenfigur der Inbegriff des Stehaufmännchens: Ständig fällt er auf die Nase, aber immer wieder rappelt er sich auf und versucht es erneut. «Donald Duck lehrt uns, was wieder aufstehen
und neu beginnen heißt», schreibt Tarr.
Jeder Mensch scheitert anders, jeder Mensch geht anders damit um, aber alle müssen den «Mut zur Bestandsaufnahme» aufbringen, beschreibt Tarr das «Donald-Duck-Prinzip». Denn der Mensch kann auch am Scheitern scheitern. Wer jedoch offen und mutig seine Misserfolge, Niederlagen oder Krisen unter das Seziermesser legt, allein oder mit Freunden, öffnet neue Wege und weckt verborgene Kräfte. Jammern war gestern, heute hilft der unverstellte Blick hinter die Kulissen der
eigenen Fassade.
Der Ratschlag ist so alt wie das Tabu selbst, an dem Tarr, Ott und andere Autoren im 21. Jahrhundert rütteln. Von den Philosophen der Antike über die mittelalterlichen Mystiker bis hin zu neuzeitlichen Vordenkern ist allen die Einsicht gemeinsam, dass das Scheitern eines Menschen nicht das Ende sein muss, sondern der Anfang eines
gelingenden Lebens sein kann.
Buchhinweis: Ursula Ott, Schöner scheitern. Warum es genauso schwierig ist, die Welt zu retten, wie den richtigen Biergarten zu finden. dtv München, 160 Seiten, 12 Euro.
Irmtraud Tarr, Das Donald Duck-Prinzip. Scheitern als Chance für ein neues Leben. Gütersloher Verlagshaus, 190 Seiten, 17,95 Euro.


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Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)
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