Man lebt so vor sich hin und hofft, dass alles gut wird. Wie? Das ist egal. Eine Antwort darauf gibt es sowieso nicht. Es ist zu unrealistisch.
Montag, ein Anruf. Herbert, ein alter Freund von Papa, sagt zu Mutter: „Was hat Lena mit Eddy gemacht?“ Ich bin sprachlos und verwirrt. Ich? Was soll ich gemacht haben? Marcus und ich sehen uns an. So kann es nicht mehr weitergehen.
Schweigend ziehen wir uns an. War da nicht mal eine Barmer Ersatzkasse auf der Hauptstrasse? Wir gehen hin und philosophieren wie so oft. Was man machen könnte. Wie es weitergeht. Es ist immer das gleiche. Ein Kreis. Alles dreht sich um Papa, alles um den verdammten Alkohol. Es zerstört mich.
Wir kommen an, die Krankenkasse ist umgezogen. Wir hatten doch nur diese eine Frage. Was kann man tun? Für einen Alkoholkranken? Wo sollen wir hin? Wie geht es weiter?
Gute Frage. Die Antwort darauf wusste ich Jahre nicht. Man lebt so vor sich hin und hofft, dass alles gut wird. Wie? Das ist egal. Eine Antwort darauf gibt es sowieso nicht. Es ist zu unrealistisch.
Wir gehen einen Bogen zu Papa. Nachschauen, was passiert ist. Herbert öffnet die Tür, nicht verzweifelt, eher angenervt. Was mit dem schon wieder los ist, fragt er. Er hätte die Schnauze voll. Ich denke, er war überfordert. Was sollten wir sagen?
Dort stand er also. Mein Papa. Mein Idol. Der, zu dem ich immer aufgeschaut habe, wie jede Tochter zum Papa aufschaut. Dort stand er – oder besser er lehnte, am Schuhschrank im Flur. Sein rot-schwarz-kariertes Holzfällerhemd aufgeknöpft, sein ausgemergelter Körper nun nicht mehr zu übersehen. Er lehnte da, sein Blick wirr in die Gegend gewandt. Ich sah ihn an. Er schielte. Was war das? Wir sahen uns an. Wer war er?
Ich hatte so vieles gelesen, über die einzelnen Stadien des Alkoholismus. Alpha-, Beta-, Gammatrinker, Quartalssäufer und Spiegeltrinker, Reha-Kliniken, Entzugsstationen, Rehabilitationen und so weiter. Der soziale Abstieg, Co-Alkoholismus, ich kannte alles und hätte stundenlang auswendig darüber referieren können. Und nun stand ich da, schaute in ein Paar schielende Augen, hörte wirres Gemurmel aus seinem Mund und verlor restlos allen Halt unter meinen Füssen.
Ein Loch sog mich nach unten, ich fiel in eine Leere, ein schwarzes Loch, und kam nicht wieder heraus. Es gab keinen Halt, nur unendliche Trauer und Angst, wie ich sie nie in meinem Leben gespürt hatte und nie spüren wollte. Denn ich sah einen Teil meines Lebens vor mir, meinen eigenen Vater, und Gevatter Tod reichte ihm die Hand. Daneben ich, fallend und nicht wissend, was ich tun kann.
„1-1-5“ kam mir in den Sinn. Ich wollte telefonieren, Hilfe holen. Er verbot es mir und ich, die Tochter, hörte auf ihn. Natürlich. Dann verfiel er wieder in den Dämmerzustand. Er sprach von Wölfen, die auf seinem Teller im Kreis rennen. Er sah Mäuse, die unter den Teppich huschten. „Herbert! Pass auf“ Du trittst die Mäuse tot!“ sagte er bitter. Seine Welt war weit weg von unserer. Von einem Käfig voll Mäusen erzählte er, die in der Wohnstube um die Ecke für mich bereit stünden. Und dass er mit Marcus auf der Zirkusmauer auf mich gewartet und nach mir Ausschau gehalten hätte.
Herbert wurde es zu viel, er ging. Ich sagte zu Marcus, ich würde zu mir nach Hause gehen und gleich wiederkommen. Mein Bruder blieb.
Ich rannte zu mir. Diese 100 Meter von seiner Wohnung bis zu meiner kamen mir noch nie so schrecklich lang vor. Meine Füße schienen auf der Stelle zu rennen und gleichzeitig so schnell zu laufen, wie sie es noch nie zuvor getan hatten. Ich erreichte die Wohnung, stürzte zum Telefon und wählte panisch 1-1-5. Keine Verbindung, es lief gerade die Umstellung auf 1-1-2. Nach minutenlangem überlegen rief ich dort an. Im Telefonbuch stand „1-1-2 Feuerwehr“. Es war mir egal. Ich brauchte Hilfe.
„Mein Papa, ihm geht es nicht gut. Er ist Alkoholiker, aber ich weiß nicht, was mit ihm ist. Er redet wirres Zeug und schielt.“
5 Minuten später hielt der Notarztwagen vor seiner Tür. Sie kamen herein. Seine Wohnung - die eines Säufers. Leer. Dreckig. Trist.
Sie fragten ihn vieles, er saß in der Küche. Dann wollten sie gehen, ohne ihn. Ich verstand die Welt nicht mehr. „Wenn er nicht mit uns kommen will, können wir ihn nicht zwingen.“ war die Antwort auf meine panische Frage. Ich würde ihn verlieren. Mein ganzer Körper spürte dies mehr als je zuvor. „ Bitte, reden sie noch ein mal mit ihm“ bettelte ich. Die Notärztin ließ sich darauf ein.
Eine Sekunde nur. Es war nicht mehr. Eine Sekunde nur, in der er umschlug und sagte „Na gut, ich bin ja schon lange nicht mehr Feuerwehrauto gefahren“.
Dann, er war fast draußen aus der Wohnung, drehte er sich um. „Nein, so kann ich nicht gehen.“ Ich erstarrte. Lieber Gott, ich kann nicht mehr! „Ich habe meine Personalien vergessen.“ Er kramte. Was er fand, war ein ec-kartengroßes Werbe-Los, wie man es in der Werbepost oft findet. „Sie haben gewonnnen!“ Ich steckte es in seine Brusttasche. „Dein Ausweis ist dann hier drin, Papa.“ „Ok, danke.“
Ich saß an seinem Küchentisch, alle waren gegangen, die Wohnungstür geschlossen. Mein Blick ging durch das Wohnzimmerfenster nach draußen, wo er gerade die Stufen in den Krankenwagen stieg, als ich eine Telefonnummer wählte. „Hallo Opa ... hier ist Lena. Es geht um Papa ..." Meine Tränen konnte ich nicht länger aufhalten. Ich weinte bitterlich.
Eine halbe Stunde später hatte ich ein paar Sachen zusammen gepackt. Socken, Zahnbürste, Schlüpfer, Jogginghose, T-Shirt ... Es war wie in Trance. Marcus und ich stiegen ins Auto und fuhren ins Krankenhaus.
Station 3. Die Abteilung für die psychischen Fälle. Entzugsstation. Nun war es also soweit. Doch so weit gekommen. Mein Papa. Alkoholiker. Auf der Suchtstation eines Krankenhauses. Es beruhigte mich.
Marcus und ich gingen durch die grünen Glasfenster. Die Schwester zeigte uns das Zimmer. Wir bogen um die Ecke. Dort lag er. Sie hatten ihn ausgezogen und in diese furchtbare Krankenhauskluft gesteckt. Er schlief. Sein linker Arm war angebunden an einen braunen Riemen, in seiner Vene steckte eine Kanüle, eine klare Flüssigkeit floss in seine Adern herab.
Seine Klamotten, sie lagen alle auf dem Boden. Eine Schwester kam und brachte mir eine große Plastetüte. „Human Waste“ stand drauf. Ich solle seine Sachen dort hinein tun und mit nach Hause nehmen. Sie würden sehr stinken, man hätte ihn gleich nach der Einlieferung ausgezogen.
Die Ärztin wollte mich sprechen. Ich machte alle Angaben so gut ich konnte. Wann er das letzte mal getrunken hatte, wollte sie wissen. Ich wusste es nicht. Vielleicht Donnerstag? Vielleicht Freitag? Ich ging nicht mehr so oft zu ihm. Ich ertrug es nicht mehr, zuzusehen, wie er sich selbst zerstörte. Wie er lallte. Wie er stank. Wie ein Fremder aus ihm sprach, roch. Wie der Teufel persönlich mich mit trunkenen Augen ansah.
Schon am Samstag war er verwirrt gewesen. Jetzt fiel es mir auf. Einen Tag später, er wollte einkaufen und ich sagte zu ihm, dass es Sonntag sei, zu spät zum einkaufen. Er aber meinte, es wäre doch erst Freitag. Ich dachte mir nichts dabei. Das Datum verwechselt, den Tag, die Uhrzeit. Wem passiert das nicht?
Die Ärztin erklärte es mir. Delirium nennt man es. Delirium tremens wie ich später nachlese.
„Ihr Vater ist dank ihrem rechtzeitigen Einliefern dem Tod von der Schippe gesprungen.“ Ich höre die Worte in meinem Kopf, immer wieder, wenn ich daran denke. Sie haben sich festgebrannt und mir in einer Millisekunde bewusst gemacht, was hier eigentlich gerade geschah. Ich konnte es nicht verarbeiten, nicht so schnell. Unaufhörlich weinte ich vor mich hin, versuchte stark zu sein, für Marcus, für Papa, für mich.
Ich ging zurück ins Zimmer. Es war 15 Uhr. Kaffe und Kuchen wurden gerade ausgeteilt. Die Schwester gab mir ein halbes Mohnbrötchen und sagte, ich solle mal versuchen, ob er es essen mag. Marcus stand auf der rechten Seite seines Bettes, ich setzte mich links daneben. Der Tropf machte mir Angst, Marcus deckte die Kanüle für mich an Papas Arm ab.
Er schlug die Augen auf. 5 Minuten schlief er, dann wachte er wieder auf. Sank wieder langsam in den Schlaf zurück. Wir erklärten ihm, wo er war. Ob er es verstand, weiß ich nicht. Er fiel in einen kurzen Schlaf, wachte wieder auf. Wollte den Arm bewegen, konnte aber nicht. Er war ja angebunden. Fragend schaute er mich an, wie ein Kind, das man in den Kindergarten gibt und das mit den Augen fragt: „Mami, hast du mich jetzt nicht mehr lieb?“
Ich hielt das Mohnbrötchen hoch. Er wollte es essen, aber ... Er nuschelte unzusammenhängende Satzfragmente. Erst begriffen wir nicht, dann sah ich seine typische Fingerhaltung, wenn er eine Zigarette in der Hand hielt. Er wollte die Zigarette loswerden. Marcus und ich sahen uns an. Wir verstanden uns ohne Worte. „Na gib her, Papa, Marcus drückt sie für dich aus.“ Ich nahm den imaginären Zigarettenstummel, gab ihn rüber zu meinem Bruder. Er drehte sich um und tat so, als ob er sie entsorgte. Für das Mohnbrötchen aber war es zu spät. Papa schlief schon wieder.


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