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Sport | 03.07.2007 15:14  Drucker

Das Jaksche-Geständnis und die Folgen - Der Radsport am Scheideweg


Am Samstag beginnt in London die 94. Auflage der Tour de France. Doch für den Sport interessiert sich in diesen Tagen eigentlich keiner mehr. Spätestens seit dem Doping-Geständnis von Jörg Jaksche im Spiegel, fragt man sich ob der Radsport noch zu retten ist. Die einst so populäre Sportart liegt am Boden und niemand weiß, ob er sich je wieder aufrichten kann. Man ist am Scheidepunkt angelangt.

1997 gewann Jan Ullrich die Tour und bis zu 12 Millionen Deutsche saßen dabei stundenlang vor dem Fernseher. Doch das Bild hat sich inzwischen deutlich verändert. Die Fans fühlen sich von ihren einstigen Idolen betrogen und wenden sich ab vom Radsport. Aktuelle Umfragen der TV-Zeitschrift "TV Digital" belegen, dass das Interesse an der Tour deutlich zurückgegangen ist. 63% der Befragten halten Radsport für interessant und nur 23% gaben an, dass sie sich für die kommende Tour interessieren würden. Diese Zahlen dürften sich in Zukunft noch weiter verschlechtern.

Mit den Geständnissen von Rolf Aldag und Erik Zabel hat sich gezeigt, dass selbst beliebte und als absolut sauber geltende Sportler nicht von der Doping-Maschinerie ausgenommen werden können. Und nun hat Jörg Jaksche das Schweigen gebrochen. Bis zuletzt hatte er immer wieder bestritten etwas mit Doping am Hut zu haben. Doch die Beweislast gegen ihn war erdrückend. Auch er wurde immer wieder im Zusammenhang mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes genannt. Die spanische Polizei vermutete Jaksche unter dem Decknamen „Bella“, der in den beschlagnahmten Akten und bei Fuentes gelagerten Blutbeuteln auftauchte. Bis zuletzt hatte er seine Zusammenarbeit mit Fuentes bestritten. Nun hat er sie schließlich zugeben. Doch sein Geständnis hat einen völlig anderen Charakter als die von Aldag und Zabel.

Jaksche hat eine wechselhafte und vor allen Dingen auch internationale Karriere gehabt. 1997, im Jahr von Ullrichs vermeintlicher Triumphfahrt, beginnt er seine Profikarriere beim italienischen Team Polti, wechselt 1998 zu Team Telekom, 2000 zum spanischen Once-Team, später noch zur dänischen Mannschaft CSC und schließlich noch mal zurück nach Spanien zu Liberty Seguros. Im Gegensatz zu Aldag und Zabel ist Jaksche also in mehreren Teams gefahren. Seine Karriere liefert ein breites Bild der internationalen Radsportszene ab und alle seine Station verbindet eine Sache: flächendeckendes Doping. In allen von Jaksches Teams ist Doping Alltag. Außerdem sind seine Berichte nicht auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Seine Dopingvergangenheit beginnt 1997 mit einem "Crashkurs" in Sachen EPO auf einem Hotelzimmer bei der Tour de Suisse und endet schließlich in den Händen von Doping-Arzt Eufemiano Fuentes. Er redet über seine gesamte Laufbahn und macht dabei auch vor großen Namen nicht Halt. Er spricht über den ehemaligen sportlichen Leiter bei Telekom Walter Goodefrot, der seine Fahrer gewarnt haben soll "Sachen" mit zu den Rennen zu nehmen, über Bjarne Riis, Ex Tour-Sieger und Teamleiter bei CSC genauso wie über Gianluigi Stanga, der für Jaksches erste Begegnung mit EPO bei Polti sorgte. Stanga ist inzwischen sportlicher Leiter beim Team Milram, wo auch Erik Zabel fährt. Alle haben sie von den Dopingpraktiken in ihrem Team gewusst und entweder aktiv unterstützt oder einfach toleriert. Aldag und Zabel haben hingegen bewusst vermieden Namen zu nennen und nur über einen begrenzten Zeitraum gesprochen. Nur eines will auch Jaksche nicht: Seine Kollegen verraten. 2 Namen lässt er sich dennoch entlocken. Der eine ist Jens Voigt. Voigt galt bisher als sauber, wie zuvor auch Zabel und Aldag. Er ist Sprecher der Rennfahrer Vereinigung und gilt auch so als ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Immer wieder sorgen seine nie enden wollenden Ausreißversuche bei Etappen für Furore. Bei der Skandaltour 1998 soll er zu Jaksche aber vorgeschlagen haben, Dopingmittel neben der Strecke zu vergraben und nach der Tour abzuholen, um so Polizeirazzien zu entgehen. Voigt bestreitet bislang dies gesagt zu haben bzw. ernst gemeint zu haben. Ein weiterer Fahrer, der in Jaksches Bericht zwar nicht namentlich aber dennoch wohl zweifelsfrei auftaucht, ist Alexandre Vinokourov. Der Kasache fuhr 2005 zusammen mit Jaksche bei Liberty Seguros. Nach einem schlechten Start in die Saison, soll er beim Teamleiter um bessere medizinische Unterstützung gebeten haben. Jeder wusste, worum es ihm dabei ging.

Auch die Berichte Jaksches über seine eigene Erfahrungen sind für den Außenstehenden schockierend. Am Anfang habe er sich unwohl gefühlt, wenn man ihn gespritzt hat. Er wollte sogar aufhören. Doch nach ersten Erfolgen verlor sich anscheinend das Bewusstsein etwas Unrechtes zu tun. "Die Medizin wird zum Alltag", sagt er. Als 1998 die Tour unterm Doping fast zusammenbricht, versteht er die Aufregung nicht. "Jeder hat’s doch dabei", denkt er sich und macht weiter, als wäre nichts gewesen. 2005 kommt er schließlich zum ersten Mal in Kontakt mit Fuentes. Der Arzt steht zu diesem Zeitpunkt bereits in Kontakt mit anderen namhaften Fahrern. Er lässt Jaksche immer wieder Blut abnehmen, um es mit EPO anzuregen und ihm dann wieder zuzuführen. Wie bei einem „ständigen Ölwechsel“ habe man sich dabei gefühlt. Außerdem gibt Fuentes ihm Pillen, um die EPO-Einnahme bei Trainingskontrollen zu vertuschen. Alles klappt zunächst gut. Dann fliegt Fuentes auf . Die „Operacion Puerto“ der spanischen Polizei erschütterte die Radsportwelt und bringt einen Stein ins Rollen, der auch jetzt noch nicht zum Stillstand gebracht worden ist. Die Aufklärung des wohl größten Sportskandals ist noch längst nicht abgeschlossen.

Da stellt sich die Frage, was der Radsport machen muss, um endlich aus dem Doping-Sumpf zu entkommen? Seit Jahren scheint man nichts dazu gelernt zu haben. Es gab keine ausreichenden Kontrollen, Dopingsünder wurden aufgrund von dubiosen Ausnahmegenehmigungen begnadigt und Sponsoren überwiesen weiterhin Millionensummen an Teams und Fahrer. Ein Teufelskreis, den Jörg Jaksche so beschreibt: „Nur wer dopt, gewinnt. Nur wer gewinnt, kommt in die Medien. Nur wer in den Medien ist, macht seine Sponsoren glücklich. Nur glückliche Sponsoren geben auch im nächsten Jahr noch frisches Geld.“ Damit muss nun Schluss sein. Schon die nun startende Tour de France muss hier Zeichen setzen. Warum etwa sollen Teams starten dürfen, dessen sportlichen Leiter eine nachweisbare Dopingvergangenheit haben? Warum sollen Fahrer in London mit dabei sein dürfen, die die Erklärung, bei Dopingvergehen ein Jahresgehalt zu zahlen, nicht unterschreiben wollen? Warum soll das kasachische Astana-Team an den Start gehen dürfen, welches nicht nur viele dopingverdächtige Fahrer, sondern auch viele dopingverdächtigen Betreuer aufgenommen hat? Auch die Öffentlichkeit ist gefragt. Wenn Bestimmungen zum Anti-Dopingkampf nicht eingehalten werden, muss der Radsport öffentlich boykottiert werden. Vielleicht kann man nur so das Doping-Gespenst vertreiben. Es wird ein langer, schwieriger Weg für den Radsport werden. Doch es besteht die Chance es zu schaffen. Wenn man endlich aufwacht.

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